SUNDAY TIMES; Dresdner Neueste Nachrichten 30/10/2018 Pizzicato

dom 23 set 2018

ANDREA LUCCHESINI CD DIALOGUES SCARLATTI / BERIO, SCHUBERT / WIDMANN Piano pieces

22/09/2018

CD Klaviermusik: Neues Andrea Lucchesini 22.09.2018 |  

ANDREA LUCCHESINI dialogisiert an- und aufregend zwischen SCARLATTI UND BERIO, SCHUBERT und WIDMANN – Audite 

Wer sich sonst bei zeitgenössischer Musik plagt, sollte diese CD hören. Altmeister Andrea Lucchesini ist wie kein anderer seiner Zunft berufen, neben struktureller Klarheit und klassischen Proportionen die Kulinarik der Musik zu präsentieren wie ein Haubenkoch sein Galamenü. Bei ihm sitzt jeder Ton in Form wie bei einem Maßanzug. Lucchesini stellt die Stücke nicht hintereinander vor, sondern verwebt Satz für Satz die Sonaten K. 491, 454, 239, 466, 342, 146 von Domenico Scarlatti mit den sechs geheimnisvollen Encores von Luciano Berio sowie die sechs musikalischen Sätze für Klavier Op. 94 D 780 von Frnasz Schubert, auch Moments Musicaux genannt, mit den sechs Schubert-Reminiszenzen für Klavier „Idyll und Abrgund“ von Jörg Widmann. 

Die Rechnung des gewagten Projekts geht voll auf. Bei Widmann ,Schubert-Reminiszenzen‘ scheint der enge Konnex von vornherein evident, weil es Widmann darum ging, „diesem stets gefährdeten Flug Schuberts zwischen Himmel und Hölle, Paradies und dunkelsten Angstzuständen, zwischen Idyll und Abgrund auf seine Weise nachzuspüren.“ Ihn haben besonders die himmlischen Längen beeindruckt, das Singen am Abgrund, das Katastrophische, das einer Wendung nach Dur innewohnen kann. Lucchesini wiederum ist Luciano Berio seit den 90-er Jahren in besonderer Weise persönlich und künstlerisch verbunden. Berios Interesse an der Art und Weise, wie die Fantasie entfernte Welten durchquert, die Tanz, Improvisation, Inspiration durch die Populärkultur und die Erkundung der klanglichen Möglichkeiten des Klaviers zusammenführen, hat auch dieses Projekt inspiriert. Die Magie der einsätzigen Sonaten von Scarlatti neben und mit den wundersamen Stücken Berios  bietet eine einzigartige Möglichkeit, diese musikalischen Kosmen querzuhören. Die Bezüge daraus ergeben sich wie von selbst.  

Andrea Lucchesini, der auch geschätzter Kammermusikpartner des großartigen Quartetto die Cremona ist, ist wohl der beste Berio-Interpret überhaupt. In Lucchesinis Scarlatti- aber auch Schubert-Sicht wiederum sind die federnde Leichtgängigkeit, der barocke Farbenreichtum, die Temporelationen und gleichzeitig das Gefühl für zarte Intimität zu bewundern. Auch klangtechnisch ist das Album herausragend.

 

 

 

SUNDAY TIMES 23 /09/2018

Audite 97.704

This is a double interleaving of old and new pieces: Scarlatti sonatas with Berio’s diverse 6 Encores, then Schubert’s Moments musicaux with the transformed reminiscences of Idyll and Abyss, by Jörg Widmann. The Berio pieces have been used in this way before, but Lucchesini presents a more ambitious endeavour. His performances are superb — an intensity at one with exquisiteness — and, though the juxtapositions come with a shock, they have a rightness. PD

 

SUNDAY TIMES

Bild und Spiegel

Neue CD von Andrea Lucchesini mit zwei reizvollen Werkpaarungen

Wolfram Quellmalz

Erlebt man zeitgenössische Werke heute im Konzert, sind diese meist recht kurz, manchmal sogar knapp. Hinterfragt man diese Kompositionen jedoch, ist oft festzustellen, daß sie einen weiter gefaßten Zusammenhang bergen, Teile eines großen Ganzen sind oder Bezüge auf andere Werke enthalten.

Der italienische Pianist Andrea Lucchesini war mit dem Komponisten Luciano Berio (1925 bis 2003) seit den 1990er Jahren befreundet. Der Idee, die sechs Stücke der »Encores« mit Sonaten Domenico Scarlattis zu kombinieren, sie zu spiegeln, hat Berio nach Aussagen des Pianisten höchstes Interesse entgegengebracht – es war das letzte gemeinsam begonnene Projekt der beiden. Fertiggestellt hat Andrea Lucchesini es erst viel später, nun ist es erstmalig auf CD erschienen. »Brin« (Halm), »Leaf« (Blatt) sowie die vier Stücke »Erden-«, »Wasser-«, »Luft-« und »Feuerklavier« hatte der Pianist schon einmal 2004 aufgenommen, nun erklingen sie jedoch wechselseitig mit den Sonaten Scarlattis. Thematische Zentren, die pianistische Brillanz (wie in der Kombination »Luftklavier« / K 342) oder die erzielte Klangwirkung sind die bindenden Glieder, die als Gemeinsamkeiten oder Gegensätze den Zyklus charakterisieren.

Andrea Lucchesini verleiht nicht nur dem »Luftklavier« eine Leichtigkeit, sondern läßt die Stücke reizvoll kontrastieren, sorgt für einen Verlauf mit Steigerungen, imaginativen Höhepunkten, die er mit einer letzten Scarlatti-Sonate in G-Dur (K 146) elegant zur Vollendung bringt.

Kaum weniger spannungsreich ist die zweite Paarung der Aufnahme: Widmann trifft Schubert. Denn anders als bei Berio und Scarlatti, deren Dualität Andrea Lucchesini erst im nachhinein entdeckte, hat der in München lebende Jörg Widmann den Bezug zu Franz Schubert von vornherein geschaffen, dessen Idiomatik eingefangen. Da die sich bedingenden Gegensätze, das Wandern am Abgrund, Gesang und Echo, bei Schubert immanent sind, hat Widmann seine sechs Reminiszenzen passenderweise »Idyll und Abgrund« genannt.

Was lag da näher, als Widmann mit Schubert direkt zu kombinieren? Wie beim Duo Scarlatti / Berio folgen die Stücke hier wechselseitig, wobei Jörg Widmanns Nr. III und IV. in direkter Folge das Zentrum markieren, während das erste und sechste Stück der Moments musicaux für Anfang und Ende stehen. Dem Pianisten gelingt auf dem Steinway D eine leichte, fließende Interpretation, wobei der erste Zyklus von der elementaren Brillanz (eines Kristalls) gekennzeichnet ist, während beim zweiten eine Vertiefung, ein Nachdenken, Verweilen – und Genießen! –, aber auch die Abgründigkeit zu wesentlichen Merkmalen werden. Nur die Pause zwischen den beiden Dialogen hätte deutlich länger ausfallen dürfen als die zwischen den einzelnen Stücken eines Zyklus‘.

Die technisch hervorragende Aufnahme wird von einem Beiheft begleitet, welches die Entstehung des Projektes erläutert und Jörg Widmann selbst mit seinem Bestreben der Komposition und der Annäherung an Schubert zu Wort kommen läßt.

Andrea Lucchesini »Dialogues«, Werke von Domenico Scarlatti und Luciano Berio sowie Franz Schubert und Jörg Widmann, erschienen bei Audite

 

09/11/2018 PIZZICATO

Domenico Scarlatti: Klaviersonaten K. 146, 239, 342, 454, 466, 491; Luciano Berio: Encores for Piano Nr. 1-6; Franz Schubert: Moments musicaux; Jörg Widmann: Idyll and Abyss; Andrea Lucchesini, Klavier; 1 CD Audite 97.704; Aufnahme 10/2017, Veröffentlichung 09/2018 (79'24) – Rezension von Remy Franck

Seit Jahren schon spielt Andrea Lucchesini eine Mischung von Scarlatti-Sonaten und den sechs ‘Encores’ von Luciano Berio im Konzertsaal. Nun hat er dieses Programm den Mikrophonen anvertraut. Scarlatti-Berio, das ist gewiss ein interessantes Wechselbad, aber letztlich doch keine musikalische Kneipp-Kur, wie man anfänglich hätte annehmen können.

Zwischen der oft tänzelnden Musik Scarlattis und den irritierend klangpikturalen Berio-Stücken – wovon vier das Thema Erde, Wasser Luft und Feuer behandeln – entsteht eine Polarität, die aber letztlich nicht auseinandertreibt, sondern eher anzieht.

Andrea Lucchesini fordert mithin eine neue Art des Zuhörens und eine durchaus interessante Klangreise ohne Unterbrechung zwischen sechs Sonaten von Scarlatti und den ‘Encores’ von Berio. Er spielt quasi ohne die Hände von der Klaviatur zu nehmen und verbindet ein Stück unmittelbar mit dem anderen, so dass der Hörer den Wechsel vom Komponisten des 18. Jahrhunderts zu einem des 20. Jahrhunderts nicht immer direkt, sondern manchmal erst zeitverzögert wahrnimmt. Gewiss, der Pianist hilft uns dabei, weil er eher homogenisiert als differenziert, aber nur so kann das Experiment funktionieren.

Und wer befürchtete, die Gegenüberstellung von Franz Schubert und Jörg Widmann sei wegen der unterschiedlichen Gefühlswelten noch gewagter als die von Scarlatti und Berio, wird eines Besseren belehrt. Auch hier entsteht eine kontinuierliche Geschichte, und am Ende glaubt man, das sei im Original gar nicht mehr auseinander zu denken.

 

Lucchesini’s mix of Scarlatti with Berio as well as Schubert with Widmann is quite a stunning experience. In the Italian pianist’s playing opposites seem to attract themselves and form a new and very coherent musical story.

 

 


Wolfram Quellmalz; Remy Franck